Depeche Mode haben auch für das neue Album wieder ihre alte Dampfmaschine nicht vom Dachboden geholt, mit der sie Mitte der Achtziger industriellen Tönen den Synthiemarsch beibrachten. Die alten Meisterwerke bleiben unerreicht. Aber ein neuer Genistreich ist hinzugekommen! Allein schon die ganzen alten Samples bzw. daran stark angelehnten Sounds, die hier verarbeitet wurden, sind für mich ein kleines Fest. ----------- Tipp: Vinyl ----------- Nachtrag vom 30.3.: Die Vinyl-Edition kommt als Gatefold-Doppel-Album, jede Seite mit vier Titeln, also insgesamt 16, d.h. die Bonustracks der "Deluxe"-CD-Variante sind einfach gleich mit dabei. Klasse! Außerdem inklusive Downloadcode! Alles richtig gemacht, dazu auf den Inlets zwei große Fotos und alle (!) Texte. Perfekt. ----------- Zwar - aber ----------- ZWAR fehlen beim ersten Hören die ganz einzigartigen, zuvor nie gehörten Sounds wie schon auf den letzten Alben schmerzlich. Nach dem Weggang des Tüftlers Alan Wilder gelang wahre Innovation im Sound in voller Länge nicht mehr, da ist was dran. ABER der Sound des neuen Albums ist moderner und grandios! Depeche Mode pur, mit einer bemerkenswerten Tendenz zu Frickeleien à la BBC Workshop sowie Reminiszenzen an das für meinen Geschmack sehr gelungene Projekt "VCMG" 2012 von Martin Gore und Vince Clarke. ZWAR vermisse ich noch eingängigere, unverwechselbarere Melodien, wie sie Depeche Mode Anfang der 1980er bis Mitte der 1990er am laufenden Band produzieren konnte. Und vor allem Tempo - die neuen Songs klingen mehrfach nur wie die Einleitung zum eigentlichen Stück. Und Härte, die es ja aber auch früher immer nur ganz zwischendurch gab. Ich vermisse die vorzügliche, gerne durch sperrige Sounds gebrochene Naivität aus dem ersten Band-Jahrzehnt, obwohl auf diesem Album mehr vielschichtige Atmosphäre erzeugt wird als auf den drei Alben davor. Ich wünsche Dave Gahan eine weniger bei jeder Silbe seine Seele betont rausrotzende Stimme zurück. Ich vertrüge auch mehr Mut beim Durchbrechen altbekannter Songstrukturen. Und dann fehlt da noch dieser eine obligatorische lange Song, der minutenlang nur komische Geräusche von sich gibt. ;-) ABER ansonsten stimmt alles! --------------- Erste Eindrücke --------------- ***** Soft Touch / Raw Nerve VCMG meets Daft Punk meets Duran Duran? ;-) Eine Komposition in sehr guter Depeche-Mode-Tradition! Der Song hört leider in dem Moment auf, in dem er richtig durchstarten könnte. ***** Secret To The End Depeche Mode in Reinkultur. Hier stimmt doch eigentlich alles. Portisheads letzte Platte grüßt schön. Wünsche mir einen Extended Remix mit ollen Materialien-Sample-Sounds. :-) ***** Soothe My Soul Gute Wahl für eine Single-Auskopplung Von Beginn an hübsch basslastig, beginnt das Stück wohltuend zurückgenommen, ist aber eigentlich verkappte EBM. Bridge und Refrain machen einen richtigen Floorfiller aus dieser Auskopplung. Tanzen! PS: Wer muss beim Hören auch an "It's Called A Heart" denken? ***** Should Be Higher Großartig. Mutigere Harmonien, berauschender 6/8-Takt, Dave und Martin singen, ein Highlight! Mir fehlte beim ersten Hören ein wenig Dichte - beim zweiten Hören aber schon nicht mehr. ***** Angel Ich gebe zu, ich kann Dave Gahan einfach nicht mehr hören, wenn er so wie hier jede Silbe in den Äther schreit, als wäre es ein Stoßgebet. Martins Gesang im Übergangsteil ist dagegen Balsam. Aber von Daves überdrehtem Gesang abgesehen ein schöner Song, der klingt, als sei er zwischen "Songs Of Faith And Devotion" und "Ultra" aus der Zeit gefallen. ***** Heaven Die erste Single war eine gute Wahl, die nicht schon das ganze Pulver des Albums verschießt. **** Slow Erdiger Blues, weit von Synthiepop entfernt, und trotzdem ja längst auch typisch Depeche Mode. Nick Cave oder Blixa Bargeld hätten hier als Gäste wie die Faust aufs Auge gepasst, aber sowas gibt es bei Depeche Mode nun mal nicht. Wieso eigentlich? **** Alone Angenehmes Tempo, sehr stimmig. Der Sound ist beim ersten Hören nicht ganz mein Geschmack, erst ganz am Ende. **** Goodbye Noch ein Blues? Gitarre pur? Nicht ganz. Guter Song, der bestimmt auch doppelt so schnell funktionieren würde. PS: Wer muss beim Hören auch an "Pleasure, little Treasure" denken? **** Broken Metallische Beats, die an "Something To Do" erinnern können, gemischt mit Gitarre, Dave Gahan, der einmal so cool wie früher ist und nicht bei jeder Silbe seine Lunge auszuspucken scheint, dazu Martin Gores Background-Gesang. Das stimmt doch alles. Trotzdem plätschert das Lied ein bisschen. **** The Child Inside Martin singt und die Englein halten verzückt inne, um zu lauschen. Wunderschön. *** Welcome To My World Wäre meiner Meinung nach als 2-minütiges Into besser gewesen, vielleicht rein vokal? Weniger ist manchmal viel mehr. *** My Little Universe Der Acid-Sound ist nicht jedermanns Sache, klar. Viel schlimmer: der Song hört auf, gerade als er durchzustarten scheint. Schade. Das Album selbst endet mit Goodbye. War es das also? Leute, das ist nie auszuschließen! Oder gibt es ein Wiedersehen? Genießen wir einfach jeden schönen Song, solange wir können, statt immer nur zu motzen. --------------------------- BONUS DISC / DELUXE EDITION --------------------------- Das Mute-Logo ist zwar noch zu sehen, aber der Wechsel zu Columbia beschert uns das erste Album ohne die bekannte "Stumm"-Katalognummer. Der Sammler zuckt kurz: was soll das? Die Rückseite des Albums zeigt eine Schwarzweiß-Fotografie der Herren ganz im Stil der alten Tage. Aber das Cover ... mal ehrlich - das ist doch eine Frechheit, wie hässlich das ist, oder? :-) Die "Deluxe Edition" im normalen Jewel-Case-Format kommt als Hardcover stabil mit dicken Pappdeckeln daher, zwischen den beiden (etwas frickelig zu entnehmenden) CDs erfreut ein 28-seitiges Foto-Booklet mit allen Texten (auch der Bonus-Tracks!) den Fan. Wobei eine eigene CD für 4 Titel natürlich Verschwendung ist, aber wie auch immer. Die zusätzlichen gut 17 Minuten sind eine nette Beigabe! "Long Time Lie" und "Happens All The Time" sind eine gute Ergänzung zum Album, die Ballade "Always" ist eine Wow-Martin-Gore-Perle und mit knapp über 5 Minuten übrigens der drittlängste Song des Albums. Danach "All That's Mine", das am Anfang einen auf EBM macht und dann als Dark-Wave-Popnummer irgendwo zwischen And One und Alphaville entpuppt. Der Song kommt mir im Übrigen sehr vertraut vor, wo war der vor Erscheinen des Albums schon zu hören? Ach, na klar, der war die "B-Seite" der Single-CD von "Heaven". ------------ Depeche Motz ------------ Wer in den 80ern als Popper verunglimpft wurde und dabei glaubte, mit Depeche Mode einen ganz besonderen Geschmack zu haben, ist längst eines besseren belehrt: Depeche Mode sind je nach Rechenart die erfolgreichste Popband aller Zeiten. Was umso erstaunlicher ist, als seit fast zwanzig Jahren viele Fans nur treue Käufer sind, aber nicht in höchsten Tönen vom jeweils neuen Album schwärmen. Immer ist das sinnentfreite Fazit: Schade, dass sie nicht mehr Depeche Mode sind. Vor ein paar Tagen habe ich einen Facebook-Eintrag gelesen, der das murmeltierhafte Herumkritteln am jeweils neuen Album sinngemäß wie folgt treffend zu kommentieren wusste: "Ich kann es nicht mehr hören. Immer die selben Leute, die hier schreiben: 'Ich bin schon seit dem Mittelalter Fan, aber seit Just Can't Get Enough ist alles Mist'." --------------------------------------------------------- Die schwierigen ersten Eindrücke in der Post-"Ultra"-Ära. --------------------------------------------------------- Die neuen Alben gefallen vielen langjährigen Fans nicht sofort, das ist ja ganz normal. Als 2001 Exciter erschien, war ich froh über eine neue Platte, aber enttäuscht über die Albumtracks. Die Scheibe war mir zu modern, zu minimalistisch, zu lahm. Und die erste Single-Auskopplung ("Dream On") gefiel mir schon mal überhaupt nicht. Heute, mit zwölf Jahren Abstand, ist mir dieses ruhige, vielschichtige Album lieb und teuer. Mindestens die langsamen "Shine", "The Sweetest Condition", "Freelove", "Comatose",