...fragt der von Heath Ledger gespielte Joker im Verlauf des Filmes immer wieder, wobei er jedes Mal eine andere Geschichte auftischt. Der viel zu früh verstorbene australische Ausnahmeschauspieler verschwindet völlig in der Figur dieses modernen Mephistopheles und tritt so scheinbar mühelos aus dem Schatten Jack Nicholsons, der die Figur unter der Regie Tim Burtons als eine Art soziopathischen Clown angelegt hatte, furchteinflößend zwar, aber doch in erster Linie amüsant. Eben Jack Nicholson in Reinkultur. Ausserdem statteten die Drehbuchautoren des Burton-Filmes den Joker mit einer Biographie aus. Jack Napier, so sein ursprünglicher Name in dieser Filmversion, ist ein gefürchteter Gangster, der nach einem Zweikampf mit Batman in einen Säurekessel fällt und gewissermaßen in der Gestalt des Jokers wieder aufersteht. Der Mörder-Clown bleibt in Christopher Nolans Umsetzung ohne konkret fassbare Vergangenheit oder Identität. Eine Verbindung zum Mord an Bruce Waynes Eltern, wie sie in Burtons Film konstruiert wurde, gibt es nicht. Christopher Nolan, sein Bruder Jonathan und Co-Autor David Goyer wollten den Joker in ihrem Drehbuch unbedingt als absolut darstellen. Damit bleiben sie der Figurenkonzeption der maßgeblichen Comics treu. Als wichtigste Inspirationen für die Geschichte, die in The Dark Knight erzählt wird, dienten die Comics Batman#1 von 1940, in welchem der Joker seinen ersten Auftritt hat, "The Long Halloween", in dem Harvey Dent eine wichtige Rolle spielt, und "The Killing Joke", der bereits Tim Burton für seinen ersten Batman-Film als Vorlage diente. Die Haupthandlung von The Dark Knight setzt etwa ein Jahr nach Batman Begins ein. Bruce Waynes heimlicher Kampf gegen Verbrechen und Korruption in Gotham trägt erste Früchte, da Lieutenant James Gordon inoffiziell mit dem Dunklen Ritter kooperiert. Die Unterwelt ist in Aufruhr. Doch die Herausforderung, die nun auf Batman wartet, hat nicht nur dieser unterschätzt. Seit einiger Zeit hält eine Serie spektakulärer Banküberfälle die Polizei von Gotham City in Atem. Am Tatort finden die Beamten außer leergeräumten Tresoren stets nur die Leichen von ein paar Handlangern und eine Visitenkarte... Nie wurde der Joker so verstörend auf der Leinwand porträtiert und kam dabei der ursprünglichen Comicfigur näher als in diesem gut zweieinhalb Stunden langen Meisterwerk von Christopher Nolan, der damit die Fortsetzung zu Batman Begins (2005) liefert. Als wichtigstes äußeres Vorbild für die Figur des Jokers in den frühen Comics gilt der von Conrad Veidt gespielte Gutsherr Gwynplaine aus dem expressionistischen Stummfilm "Der Mann, der lacht"(1924). Nolan war, nachdem er Heath Ledgers großartige Leistung als Ennis del Mar in Brokeback Mountain gesehen hatte, absolut überzeugt, den richtigen Schauspieler für die Rolle des Jokers gefunden zu haben. Es muss ihn eine Menge Zeit und Nerven gekostet haben, auch die Produzenten von seiner Wahl zu überzeugen, denn der Joker war völlig anders als alle Charaktere, die der oft als Leinwand-Schönling abgestempelte Mädchenschwarm Ledger bis dahin gespielt hatte, vor allem ein totaler Gegenpol zu dem verdrucksten, eigenbrötlerischen Ennis del Mar. All dies beweist nicht nur eine Menge Mut, es zeigt vielmehr, dass Christopher Nolan genau weiß, was er tut. Gleiches gilt für seine Besetzung einer weiteren Schlüsselfigur. Harvey Dent wird von dem bis dahin noch wenig bekannten Aaron Eckhart gespielt, der diese Rolle seinem Golden Globe-nominierten Auftritt als redegewandter Tabak-Lobbyist in der Satire "Thank You For Smoking"(2006) verdankt. Heath Ledger spielt den Joker als das personifizierte Böse. Äußerlich wirkt diese Figur im geschmacklosen lila Anzug mit dem eher nachlässig aufgetragenen Clowns-Makeup, den langen, grünen, strähnigen Haaren und dem schlurfenden Gang mit leicht vorgebeugter Körperhaltung wie ein Punk, ein Freak, eine Mischung aus Goethes Teufelsfigur, Alex de Large aus "Clockwork Orange" und Sid Vicious. Die Figur mit einem so jungen Schauspieler zu besetzen mag auf den ersten Blick vielleicht etwas befremdlich erscheinen, jedoch ist dies weniger dem Jugendwahn Hollywoods geschuldet als vielmehr dem Gedanken, dass jede junge Generation irgendwann von dem Impuls getrieben wird, Althergebrachtes zu negieren, verkrustete Strukturen niederzureißen. In diesem Kontext wird der Joker in The Dark Knight als nihilistische, anarchische Urgewalt dargestellt, die vor allem eines will: Zerstörung, und das im wörtlichsten, negativsten Sinne. Sein ständiges widerliches Schmatzen, verbunden mit dem Spielen der Zunge an den Mundwinkeln verleihen ihm Züge eines Reptils. Die schneidende Stimme unterstreicht seine Bedrohlichkeit weiter. Dass hinter der Maske noch ein winziger Rest Verletzlichkeit und damit ein menschlicher Zug durchschimmert, ist Heath Ledgers grandioser Schauspielkunst zu verdanken. Sieht man sein Porträt des Jokers, so beschleicht einen unwillkürlich die Frage, was uns denn eigentlich zu menschlichen Wesen macht und inwiefern das Böse Teil unserer Natur ist. The Dark Knight ist wie sein Vorgänger kein Superheldenfilm im gewohnten Sinne, sondern ein vielschichtiges, psychologisch stimmiges, Krimi-und Actiondrama, das an Genreklassiker wie "Heat"(1995) oder "The Departed"(2006) erinnert. Der düstere Realismus, der schon "Batman Begins" entscheidend prägte, erreicht hier eine für das Superhelden-Genre ganz neue Stufe, inklusive eines Terrorszenarios, das mehr als nur einmal mulmige Gefühle beim Zuschauer weckt. Christopher Nolans zweiter Batman-Streich ist sein erster Film mit einer durchgehend linearen Erzählstruktur, was den Meister jedoch nicht davon abhält, mit harten Schnitten Zeitsprünge zu vollziehen. Zusammenhänge erschließen sich nicht zwingend nur durch Dialoge, sondern auch durch ruhige Momente, in denen die Kamera als alleiniges erzählerisches Instrument fungiert, was vom Zuschauer verlangt, sich zu konzentrieren und sich eigene Gedanken zu machen. Konzentrierte sich Batman Begins noch fast ausschließlich auf Bruce Wayne, bildet hier der Joker das Epizentrum einer Story, in der im Grunde nur er gewinnen kann. Meisterhaft diabolisch zieht er die Fäden, spielt die selbsternannten Retter von Gotham City- Batman, Lieutenant Gordon und den neuen Staatsanwalt Harvey Dent- gegeneinander aus. War das übergeordnete Thema von Batman Begins Furcht, so behandelt The Dark Knight das durch den Joker repräsentierte Chaos, nicht ohne auch der inneren Wut Bruce Waynes genügend Raum zu geben. Dieser wird von Christian Bale wieder hervorragend verkörpert. Sein Spiel ist der Figur Bruce Wayne gemäß viel subtiler angelegt und bildet einen genau so beabsichtigten Kontrast zu Heath Ledgers raumgreifender Darstellung des Jokers. Bales Leistung wurde und wird nicht ausreichend gewürdigt. Er verblasst neben Ledger keineswegs. Überhaupt ist Christian Bale der mit Abstand beste Darsteller des Bruce Wayne/Batman aller Zeiten. Batman liefert sich mit dem Joker ein auf physischer wie psychischer Ebene furioses Duell. Im Laufe des Filmes wird immer deutlicher, dass beide einander bedingen und demzufolge einander nie töten würden. In dieser Geschichte gibt es keine echten Helden, was The Dark Knight Züge eines Film Noir verleiht. Jeder der drei Verteidiger Gothams muss am Ende einen schrecklichen Preis zahlen, besonders der idealistische Eiferer Dent wird gnadenlos zu Fall gebracht. In einem großartigen Ensemble, zu dem auch wieder die wunderbaren Michael Caine als Alfred und Morgan Freeman als Lucius Fox gehören, stiehlt Ledger allen die Show. Er ist nicht nur furchteinflößend sondern auf ganz eigene Art auch witzig. Doch ist Harvey Dents tragische Geschichte das eigentliche emotionale Rückgrat des Films. Der hervorragende Aaron Eckhart, dessen Ausstrahlung an Robert Redford oder Kirk Douglas in jungen Jahren erinnert, holt aus seiner wesentlich undankbareren Rolle das Maximum heraus und stellt Dents Abstieg in jeder Phase glaubhaft dar. Aaron Eckharts Porträt des Harvey Dent füg